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Klimaschutz durch Technologie: Inspiration und Adaption aus anderen Branchen

Die Bedeutung des Klimaschutzes im Tourismus steigt im Einklang mit den Reisenden, die zunehmend nachhaltige Angebote fordern. Wie kann die Umsetzung des Klimaschutzes weiter gefördert werden? Welche Rolle spielt dabei der Einsatz von Technologien? Welche Inspirationen aus anderen Branchen bringen uns weiter? In unserem Online-Workshop am 12. Mai 2022 haben wir technologische Lösungen zur Verbesserung der Klimabilanz aus anderen Branchen vorgestellt und gemeinsam deren Adaption im Tourismus diskutiert. 

Die Dringlichkeit, entscheidende Schritte im Klimaschutz zu unternehmen, steigt kontinuierlich, wie der Erdüberlastungstag für Deutschland am 04. Mai 2022 unterstreicht. So betonte auch Claudia Müller, Koordinatorin der Bundesregierung für Maritime Wirtschaft und Tourismus, den politischen Willen, den Klimaschutz im Tourismus zu verstärken und über Branchengrenzen hinweg zu arbeiten, um die Natur als Grundlage des Tourismus zu erhalten. 

Zu Beginn des Workshops lieferte Erika Harms, ehemalige Direktorin Nachhaltigkeit beim World Travel & Tourism Council (WTTC), eine international Keynote. Erika Harms ist Gründerin und Vorstandsvorsitzende von Planet 4 People und hielt ein Plädoyer für umfassende Nachhaltigkeitszertifizierungen und verdeutlichte die Zusammenhänge zwischen Klima, Nachhaltigkeit und Sickereffekten. Die Kreislaufwirtschaft könne ein wichtiger Ankerpunkt sein, der lokale Wertschöpfung und einen effizienten Umgang mit Ressourcen unterstützt.  

Am Beispiel Iberostar zeigte Erika Harms die Wirkung vermeintlich kleiner Schritte (Reduzierung von Müll, effektiver Wareneinsatz, Energiesparpläne) und die Bedeutung, die Klimaneutralität als Ziel zu definieren. Darüber hinaus können Nachhaltigkeitsstrategien dann sogar zum aktiven Aufbau der Umwelt beitragen und entsprechende Kommunikation unterstützen. Hierbei seien politische Leitlinien und zum Teil auch Regulierungen wegweisend, jedenfalls aber die Unterstützung durch Innovation und Investition.  

Prof. Dr. Heinz-Dieter Quack, Leiter des Kompetenzzentrum Tourismus des Bundes zeigte die vielfältigen Ansätze im Klimaschutz auf: Angefangen bei Initiativen der UNWTO, über Investitionsförderung in Deutschland bis hin zu einzelnen Praxisprojekten. Neben internationaler Mobilität bietet auch der Binnenverkehr und die Vernetzung innerhalb von Destinationen erhebliche CO2-Einsparungspotentiale. Zu einem wesentlichen Treiber der Nachhaltigkeitstransformation wird die Nachfrage. Reisende suchen vermehrt nach möglichst nachhaltigen Reisen und zeigen hier eine neue Sensibilität, auch wenn der steigenden Affinität zur Nachhaltigkeit nicht immer konsequentes Handeln folgt. Diese Attitiude-Behaviour-Gap gelte es zu schließen.  

Das gesteigerte Nachhaltigkeitsbewusstsein wird ebenso in weiteren LIFT-Wissen-Studien aufgezeigt. Trotz vieler Best Practices im Tourismus und in angrenzenden Branchen beruht die Hoffnung auf Klimaneutralität vor allem auf technologischen Innovationen, z.B. alternative Antriebe im Individualverkehr, im ÖPNV oder im Flugverkehr, aber auch auf neuen Bauformen für die Hotellerie und die geschickte Verknüpfung von Digitalisierung, Erlebnissen und Nachhaltigkeit.  

Einblicke aus andren Branchen gab es im Workshop ebenso. Branchen, die bereits wichtige Schritte unternommen haben, sind etwa das Verarbeitende Gewerbe und der Verkehrssektor, die bereits die Klimaneutralität als Ziel definiert haben und zahlreiche Pilotprojekte vorweisen können sowie Smart Farming, wo technologische Lösungen den Ressourcenverbrauch in der Landwirtschaft erheblich mindern können. 

In der Podiumsdiskussion zu nachhaltigen Lieferketten bot Jakob Fricke, Chief Product Officer von Door2Door, Einblicke in logistische Prozesse, die zukünftig noch stärker mit Freizeit und Tourismus zu verbinden sind. Fricke verdeutlichte, dass die Vernetzung von Akteuren und Daten eine Grundvoraussetzung für die effektivere Allokation von Mobilitätsdienstleistungen ist. Das Ziel von Mobilitätsinitiativen sei eine bedarfsgerechte und personenbezogene Mobilität statt einer starren ÖPNV Planung.  

So wären in der Zukunft interessante Kombinationen und das Sharing von Lieferverkehr und Personenverkehr möglich. Auf Basis dieses Impulses verdeutlichte Wolfgang Inninger, Leiter des Projektzentrums Verkehr, Mobilität und Umwelt Fraunhofer IML, die Möglichkeiten von künstlicher Intelligenz, die Bedarfe und Ressourcen im Besuchermanagement genauer zu prognostizieren. Fairweg-Gründer Ralf Hieke verwies bezüglich nachhaltiger Mobilität auf die Wichtigkeit von Pooling vor Ort in der Destination in Ergänzung zur An- und Abreise. Mit seinem Reiseportal unterstützt er u.a. das bewusste und qualitative Reisen und wünscht sich erhöhte Transparenz der Nachhaltigkeitsinformationen.  

Über die Mobilität hinaus forderte Martin Balas, Berater und Gesellschafter bei TourCert, die erhöhte Transparenz von Klimawirkungen entlang der gesamten touristischen Leistungskette inklusive der vor- und nachgelagerten Leistungen, und die Nachhaltigkeit in den Mainstream zu überführen. Den Bogen zur Nachfrage und zur Erlebnisorientierung schlug Klaus Schön (Touristik Vertrieb AVS GmbH) mit dem Verweis auf die Gästekarten und stärker tourismusorientierte Angebote im ÖPNV.  

Die Relevanz von übergeordneten Leitlinien, politischer Unterstützung, einem flexiblen Rechtsrahmen und der Akzeptanz von Klimaschutz bei allen Akteuren wurde allgemein unterstrichen. Neben existierenden Mobilitätsinnovationen seien gerade im ländlichen Raum eine stärkere Vernetzung notwendig. Insgesamt müsse die Branche über Pilotprojekte hinauskommen und nun mit dem Rückenwind der Nachfrage die Kompetenzen von der Wissenschaft in die Praxis transferieren. Die Grundlage für Handlungsempfehlungen seien umfängliche Emissionsdaten.  

Jakob Fricke, Dirk Rogl, Martin Balas (oben v. links), Wolfgang Inninger, Ralf Hieke, Klaus Schön (unten v. links)

Ein weiteres Panel beschäftigte sich mit evidenzbasiertem digitalen Datenmanagement. Den Impuls aus Smart Farming lieferte Christian Metz, Leiter des Kompetenz-Netzwerks Digitale Landwirtschaft Bayern. Er inspirierte und zeigte, was technisch möglich ist, sprach aber auch die hohe Bedeutung von Innovationskultur, politischen Rahmenbedingungen und der Technologieaffinität an. Mit einem hohen Vernetzungsgrad könnten Ressourcen effektiver eingesetzt werden, bis hin zur Machine-to-Machine-Kommunikation und der Arbeitserleichterung für die Landwirte.   

Ute Mushardt, Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft für Urlaub auf dem Bauernhof und Landtourismus, betonte die hohe Bedeutung der Digitalisierung in der Landwirtschaft für die Nachhaltigkeit und die Nachfragepotentiale im Landurlaub. Als großen Unterschied zwischen den Branchen identifizierte sie die Ausmaße der Innovationsforschung und -förderung. Alexander Schmidt, Inhaber des Restaurants Ambach in Idstein, unterstrich die Potentiale der Digitalisierung für die Arbeitserleichterung in Bezug auf Dienstpläne, Warenwirtschaft und Reservierung.  

Die Perspektive der Destinationen brachte Sandra Wenz, Leiterin der Tourist-Information des Birkenfelder Landes, ein. Sie verdeutlichte das Vorhandensein von etablierten Technologien und Daten, die weiterhin touristisch aufgearbeitet werden müssen, bis hin zur mobilen Ausgabe und einem Mehrwert in der Besucherlenkung. Daten-Schnittstellen seien hierbei branchenübergreifend möglich (z.B. Forst, Telekommunikation). Martin Soutschek, Director Research & Development bei Outdooractive, forderte das Verfolgen von Datenstandards (z. B. OpenStreetMap) und einen verantwortungsvollen und verlässlichen Umgang mit dem Thema Besucherlenkung. Offene Informationen könnten die Basis sein, um Nutzungskonflikte in der Natur zu verringern und zum nachhaltigen Verhalten in Freizeit- und Lebensräumen zu animieren.  

Defizite bei der Digitalisierung in der touristischen Aus- und Weiterbildung bis hin zur Kompetenzrolle von Destinationen wurden allgemein anerkannt. Als weitere Handlungsfelder wurden die persönliche und digitale Vernetzung zwischen betrieblicher und kommunaler Ebene, das Ausloben umfangreiche Förderprojekte, Datenaktualität, Rollenverteilung im Datenmanagement oder die Vernetzung von Angeboten zu zusammenhängenden Erlebnissen, die wiederum die Effizienz steigern, genannt. 

Christian Metz, Prof. Dr. Heinz-Dieter Quack, Ute Mushardt (oben v. links) Martin Soutschek, Sandra Wenz, Alexander Schmidt (unten v. links)

Die Teilnehmenden des Workshops konnten ihre Anregungen und Fragen online teilen. Häufig gefordert waren dort die politische Umsetzungskraft und flexible Förderprojekte, die Erfüllung von Kompetenzbedarfen, Zielvereinbarungen und Verbindlichkeit. Weiterzuentwickeln seien die Rolle der DMOs, Datenstandards, Beispiele aus Smart Cities oder die ÖPNV-Entwicklung.  

Der Workshop konnte vielfältige Inspirationen für die Tourismuswirtschaft aufgreifen. Grundsätzlich seien viele Technologien und Daten bereits verfügbar, verlangten aber eine weitreichende Adaption und Implementierung im Tourismus. Grundlage dessen sind nun die Vernetzung aller Akteure und Daten, politische Leitlinien nebst einem positives Mindset sowie mehr Mut und Zuversicht in der Nutzung vorhandener technologischer Möglichkeiten. All diese Ansätze sind dazu geeignet, die Effektivität der Leistungserbringung steigern und Ressourcen schonen. „Anfangen, Vernetzen und Lernen“ ist im Ergebnis eine wichtige Leitlinie. Im engen Kontakt mit den Gästen sind Information, Transparenz und Kommunikation essentiell, um den Klimaschutz weiter in der Breite zu verankern und somit sogar einen Mehrwert für Reiseerlebnisse zu bieten.

Präsentation der Veranstaltung "Klimaschutz durch Technologie: Inspiration und Adaption aus anderen Branchen" (pdf. Download 5,76 MB)

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